Geschichte

Christine Kratzert: Die Evang. Kapelle zu Heidelberg

aus: Heidelberg: Jahrbuch zur Geschichte der Stadt, hg. vom Heidelberger Geschichtsverein, Jahrgang 18, Kurpfälzischer Verlag Heidelberg 2013, S. 115-118

1868 kamen die Heidelberger Kaufleute Johann Martin Werner, Wilhelm Bröckelmann, Louis Werner, der Lehrer Abraham Röckh, der Verleger Karl Winter und Pfarrer Wilhelm Frommel zusammen zur Gründung „eines Evangelischen Vereins zur Fürsorge für sonntägliche Erbauung auf dem Grunde der heiligen Schrift und der reformatorischen Bekenntnisse“ (Festschrift S. 26). Vorangegangen war ein langer Streit innerhalb der Heidelberger evangelischen Kirche: Die Mehrheit vertrat die „liberale“ Richtung, d.h. Jesus wurde vorwiegend als edler Mensch gesehen. Dagegen wandte sich die Gruppe der sog. „Positiven“, der die Geltung der Hl. Schrift und der Bekenntnisse wichtig war. Eine ausführliche Darstellung jener kirchlichen Verhältnisse, die letztlich zur Gründung der Kapelle geführt haben, ist 1926 erschienen (Nieden).

Alle Versuche, auf frei werdende Pfarrstellen einen „positiven“ Pfarrer einzusetzen, scheiterten. So hielten die „Positiven“ seit 1860 gottesdienstliche Versammlungen in verschiedenen Privathäusern, deren Räume aber auf Dauer zu klein wurden. 1869 wurde deshalb ein Haus in der Sandgasse 2 gemietet. Zu betonen ist, dass die „Positiven“  immer innerhalb der Landeskirche bleiben wollten und mehrfach erfolglos Anträge auf die Nutzung von Kirchen stellten. So wurde ein „Saalbauverein“ oder „Kapellenverein“ gegründet, der 1873 das Grundstück Plöck 47 erwarb, um darauf eine Kirche zu erbauen. Finanziert werden sollte der Bau durch Spendenaufrufe in Zeitungen und Sonntagsblättern im ganzen Deutschen Reich. Die Spenden flossen so kräftig, dass 1875 der Grundstein für eine Kapelle gelegt werden konnte. Der Vertrag für den Bau wurde zwischen den Herren Wilhelm Liebenstein, Louis Werner, Carl Winter und Philipp Zimmermann einerseits und den Architekten Friedrich Henkenhaf und Friedrich Ebert geschlossen. Die Baukosten betrugen 36.445 Mark, heute rund 360.000 €. Die Einweihung konnte am 2. Juli 1876 stattfinden. Vor dem Bau des Diakonissenhauses (des heutigen Wilhelm-Frommel-Hauses) war die Kapelle von der Plöck aus noch frei sichtbar. In der Kapelle versammelten sich die von der Erweckungsbewegung geprägten Christen, die 1920 eine eigene „Minderheitsgemeinde“ innerhalb der Landeskirche gründen konnten. Auch war die Kapelle eng mit dem Diakonissenkrankenhaus verbunden.

Diese kleine Kirche wurde im Laufe ihres Bestehens mehrmals renoviert und auch verändert. Der Blick fällt auf eine klassizistische Fassade mit großen, durch Rundbögen abgeschlossenen Fenstern, hinter der sich ein querschiffartiger Vorsaal befindet, der sich nach Norden in die eigentliche Kirche fortsetzt. Ursprünglich war der Eingangstür ein Windfang vorgelagert. Das Dach wird von einem Dachreiter gekrönt, und seit 2012 gibt es dort eine kleine Glocke.

Beim Eintritt in die Kapelle fällt vor allem der große Vorsaal auf. Von ihm führt rechts eine Treppe hinauf zu den Emporen. In diesem Vorsaal wurde bereits 1876 die erste „Kleinkinderschule“ des „Vereins für christliche Kleinkinderpflege“ eingerichtet.

Durch Holztüren gelangt man in die Kirche, in der sich ursprünglich links und rechts Emporen über die gesamte Kirche erstreckten. Die nördliche Altarwand trägt über dem Altar eine Kanzel. Im Kirchenraum fallen vier große, bunt verglaste Fenster auf, die zwischen 1885 und 1889 entstanden. Sie zeigen die Geburt Christi, den zwölfjährigen Jesus im Tempel, die Kreuzigung und den auferstanden Christus. Gespendet wurden die Fenster von der Verlegerfamilie Winter.

1908 fand eine grundlegende Neugestaltung der Kapelle statt. Die bislang geschlossene Emporenbrüstung wurde durch eine offene mit kleinen Holzsäulen ersetzt. Die Altarwand erhielt über einer Quadermalerei in ihrem oberen Teil ein großes Wandgemälde mit dem thronenden Christus, der in faltenreichem Gewand die Hände segnend ausbreitet und von Engeln umgeben ist. Anstelle einer Decke, die den Dachstuhl verkleidete, wurde ein Tonnengewölbe eingezogen. Entlang diesem Gewölbe war das Bibelwort geschrieben: „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren.“ 1957 erhielt die Kapelle eine neue Weigle-Orgel anstelle der früheren Voith-Orgel. Die Bemalung der Altarwand wurde beseitigt, Altar und Kanzel wurden an der Wand von zwei Stucklisenen mit einem runden Abschluss gefasst. Hier wurde ein neues Bibelwort aufgemalt: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“

1962 wurde das Westfenster des Vorsaals vermauert, um Platz zu schaffen für ein Kreuzigungsbild eines italienischen Malers aus dem 16. Jahrhundert, das der Gemeinde gestiftet worden und bislang an einem ungünstigen Ort aufgehängt war. Nach der letzten Renovierung 2012 fand es einen neuen Platz auf der Südempore.

1986 fand eine weitere Innenrenovierung statt: Die Bänke wurden durch gepolsterte Stühle ersetzt und ein Teppichboden verlegt. Das Tonnengewölbe einschließlich der Stichkappen zwischen den Fenstern erhielt einen himmelblauen Anstrich, wobei die Gurtbänder, die die Decke optisch teilen, weiß abgesetzt waren.

Der massivste Eingriff bei der Umgestaltung des Innenraums erfolgte 2012: Aus liturgischen Gründen wurden die Emporen im Norden um ein Joch verkürzt, um den Altarraum zu vergrößern. Anstatt des Teppichbodens wurde im ganzen Gebäude, Vorsaal und Kapelle, ein heller Natursteinboden verlegt. Alle Wände und die Decke wurden in unterschiedlichen Weißtönen gestrichen, so dass auch der Bibelspruch hinter Altar und Kanzel an dieser Stelle wegfiel. Im Vorsaal wurde das Westfenster wieder freigelegt. Mit dem Einbau einer Küchenzeile dient dieser Raum jetzt u.a. dem Kirchenkaffee und weiteren Veranstaltungen. Da die Altarraumfenster nach Westen und Osten einfach verglast waren, lag es nahe, den weggefallenen Bibelspruch und ein weiteres Bibelwort in neue, künstlerisch gestaltete Fenster zu bringen. Für diese Aufgabe wurde Johannes Schreiter (Langen) gewonnen, der in Heidelberg schon in der Heiliggeist- und der Peterskirche mit seinen Arbeiten vertreten ist. Im Westfenster ist, weil die Gemeinde das wünschte, der ihr bereits (seit 1957) vertraute Spruch „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“ zu lesen; im Ostfenster das Wort: „Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen“, ein Hinweis auf die Kapelle als heutige „Diakoniekirche für Heidelberg“ und geistliches Herzstück der „Diakoniestraße Plöck“. Ebenfalls neu geschaffen wurden die „Prinzipalstücke“ Altar, Ambo, Taufstein und Osterleuchter von Werner Schlegel (Paderborn). So spiegelt sich im Wandel dieses Kirchengebäudes auch der Wandel innerhalb der kirchlichen Landschaft Heidelbergs.

Literatur

Geschichte der Evangelischen Kapelle zu Heidelberg. Festschrift zum 50. Jahrestag ihrer Einweihung, Heidelberg 1926 (im Text: Festschrift)

Adolf Nieden, Ecclesiola pro ecclesia, „Kirchlein für die Kirche“. Veröffentlichung 22 des Vereins für Kirchengeschichte in der evangelischen Landeskirche Badens, Karlsruhe 1962 (im Text: Nieden)

Dr. Christine Kratzert, geb. 1942, Kunsthistorikerin, Gaisbergstr. 71, 69117 Heidelberg (p)

 

 

Chronik der Evang. Kapellengemeinde:

1849 Gründung des Evang. Vereins für innere Mission aufgrund einer Predigt von J. H. Wichern in der Heidelberger Providenzkirche.

1860 Gründung des Jünglingsvereins

1861 Gründung des Evang. Diakonissen-Vereins

1862 Gründung des Stadtmissionsvereins und Anstellung des ersten Stadtmissionars Mack.

1865 Gründung der Sonntagssschule in der Sandgasse.

1866 Bildung eines Kommitees  für äußere Mission.

1867 Organisation des Evang. Männer- und Jünglingsvereins.

1867 Frommelsche Hausgottesdienste bei der Prinzessin von Oldenburg.

1868 Gründung des "Evangelischen Vereins".

1869 Erster Gottesdienst in der Sandgasse.

1875 Grundsteinlegung der Kapelle in Plöck 47.

1876, 2. Juli: Einweihung der Kapelle durch Prof. Wilhelm Frommel.

1876 Eröffnung der ersten Kleinkinderschule im Vorsaal der Kapelle.

1881 Erste Abendmahlsfeier in der Kapelle nach Genehmigung aus dem Evang. Oberkirchenrat in Karlsruhe.

1882 Gründung des Jungfrauen-Vereins durch Fräulein Thibaut und Fräulein Bröckelmann.

1888 Gründung des Vereins "Herberge zur Heimat". Außerdem Verleihung der Körperschaftsrechte an den Diakonissenverein und Einweihung des Diakonissenhauses, das heutige Seniorenpflegeheim "Wilhelm-Frommel-Haus".

1890 Eintritt des Predigers Heinrich Coerper, der neun Jahre später die "Bad Liebenzeller Mission" gründen wird.

1895 Organisation des äußeren Missionsvereins.

1902 Einzug in die neuerbaute Kinderschule Kaiserstraße 64, in der noch heute der Kindergarten der Kapellengemeinde ist.

1903 Einweihung des Vereinshauses Plöck 18, heute "haus der Stadtmission"

1908 Innerer Umbau der Kapelle.

1914 Ausbruch des 1. Weltkriegs: Das Diakonissenhaus wird Vereinslazarett, das Vereinshaus wird Soldatenheim.

1920 Neuorganisation der Kapellengemeinde als landeskirchliche Minderheitsgemeinde.

1922 Erste Konfirmation in der Kapelle nach genehmigung des Oberkirchenrats in Karlsruhe.

1926 - 1958 Pfarrer A. Nieden.

1957 Anschaffung der Weigle-Orgel für die Kapelle.

1958 - 1965 Pfarrer Wacker.

1962 Fusion mit den anderen Vereinen zur "Evang. Stadtmission Heidelberg e. V."

1969 Einrichtung einer landeskirchlichen Pfarrstelle zur Geschäftsführung der Stadtmission und zur Leitung der Kapellengemeinde.

1969 - 1987 Pfr. Dr. Dannenbaum.

1985 Innenrenovierung der Kapelle.

1987 Pfr. Hans Kratzert wird Pfarrer der Kapellengemeinde

1990 Pfr. Hans Kratzert wird Geschäftsführer der Stadtmission (bis 2009), Pfrin. Erika Knappmann wird Pfarrerin der Kapellengemeinde bis 2005.

2004 Die Kapellengemeinde leitet mit Dekan Dr. Bauer einen Reformprozess ein, gibt sich neue Leitsätze und wird als "Diakoniekirche für Heidelberg" eine diakonische Profilgemeinde.

seit 2004 Pfr. F. Barth.

2004 Gründung des Afrika-Gottesdienstes.

2005 Gründung von manna.

2011 Gründung der Kinderkrippe.

 

"Die Kapellengemeinde ist entstanden zur Zeit innerkirchlicher Auseinandersetzungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dabei ging es um die Frage, ob das Bekenntnis biblisch-reformatorischen Glaubens in der evang.-protestantischen Landeskirche Badens für Lehre und Leben verbindlich bleiben sollte. Die Mehrheit des Heidelberger Kirchengemeinderates war, wie man damals zu sagen pflegte, "für eine freiere Auffassung christlichen Glaubens". Sie stand unter dem maßgeblichen Einfluss des Direktors des praktisch-theologischen Seminars, Professor Daniel Schenkel, der in seinem Buch "das Charakterbild Jesu", die Person Jesu als einen Menschen wertete, der zwar alle anderen in einzigartiger Weise überragt, aber doch in den Grenzen bleibt, die allem Menschsein gesetzt sind. Nun wusste sich aber ein Teil der Gemeindeglieder - in jener Zeit als "altgläubige Minderheit" bezeichnet - dem Bekenntnis der Kirche, im Besonderen der Confessio Augustana, verpflichtet. Sie besaß in dem bedeutenden Dekan Sabel, Pfarrer an der Providenzkirche, einen Mann ihres Vertrauens. Als er 1865 gestorben war, hoffte sie, dass als Nachfolger Pfarrer Wilhelm Frommel, Professor am Heidelberger Gymnasium, gewählt würde. Obwohl Frommel bei aller Bekenntnistreue im Kirchenstreit den Frieden suchte, wurde er von der liberalen Mehrheit der örtlichen kirchlichen Vertretung abgelehnt.

Nach manchen gescheiterten Bemühungen zu irgendeinem tragbaren Ausgleich mit der Kirchengemeinde zu kommen, sahen die Bekenntnisfreunde keinen anderen Weg, als den, der zu einem eigenständigen gottesdienstlichen Leben führte. Vom Jahre 1867 ab versammelten sie sich zu Hausgottesdiensten in den Räumen der Prinzessin von Oldenburg, dann im Gebäude Sandgasse 2 und schließlich ging die Gemeinde tatkräftig an den Bau eines Kirchleins, der Kapelle in der Plöck. Sie wurde am 2. Juli 1876 von Professor Wilhelm Frommel eingeweiht. In ihr versammelte sich allsonntäglich und auch an den Wochentagen eine Gemeinde, die den Glauben an den Sohn Gottes in Werken der Liebe zu verwirklichen suchte. Das geschah bewusst und betont innerhalb der Landeskirche, so dass eine Separation, die der Gemeinde in den Anfangsjahren nahegelegt worden war, vermieden wurde. Diesen Tatbestand hat der Evang. Oberkirchenrat dadurch anerkannt, dass er der Kapellengemeinde 1920 die Rechte einer landeskirchlichen Minorität verlieh."

(Diesen Arikel schrieb der langjährige Kapellenpfarrer A. Nieden. Er wurde nach dessen Tod abgedruckt in einem Artikel der Denkschrift zum 125jährigen Jubiläum der Kapellengemeinde von 2001)

 
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